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Weg der Hoffnung

In der Nähe der serbischen Grenzstadt Sid überqueren täglich hunderte von Flüchtlingen die "grüne Grenze" nach Kroatien. Die Meisten kommen aus Syrien, Irak und Afghanistan. Sie fliehen vor dem Krieg in ihrer Heimat und hoffen in Westeuropa Sicherheit und eine bessere Zukunft zu finden. 

Bischof i.R. Heinrich Bolleter hat den Grenzübergang mit Vertretern der serbischen EMK im September besucht.

Das Hilfwerk EHO verteilt Essen, Wasser und Kleider an Flüchtlinge.

Die EMK in Serbien ist  vor allem in der Vojvodina  engagiert. Das geschieht stets in Zusammenarbeit mit EHO, dem Ökumenischen Hilfswerk mit Sitz in Novi-Sad, wo die EMK Mitglied ist. Zur Zeit ist EHO damit beschäftigt, eine Spende des HEKS aus der Schweiz zu verarbeiten. Diese ist vor allem für die Flüchtlinge bestimmt, welche im Transit durch das Land gehen.  Lebensmittel, Medikamente, Windeln, und Wasser.  

Flüchtlinge auf dem Weg über die Grenze nach Kroatien.

Zu Beginn war der Schwerpunkt des Einsatzes an der nördlichen Grenze Serbiens zu Ungarn. Dort hat die ökumenische Hilfsorganisation EHO beschlossen, in zwei Flüchtlingslagern an der Grenze zu Ungarn, in Subotica sowie in Kanjiza, mitzuhelfen, die Lebensbedingungen der Flüchtlinge zu verbessern. Als diese Übergänge geschlossen wurden, hat sich der Flüchtlingsstrom an die kroatische Grenze verlagert. Kroatien liess Flüchtlinge, die aus dem Nicht-EU-Land Serbien kommen, ohne Registrierung passieren. Sie sollten über  Slovenien oder die kroatische Grenze nach Ungarn weiter geschoben werden. Das bedeutete: Kroatien hatte einen Transitkorridor für Flüchtlinge geschaffen.

 

So fanden Tausende von Flüchtlingen trotz blockierter offizieller Grenzübergänge den Weg von Serbien nach Kroatien. Zahlreiche Menschen wurden von serbischen Bussen aus Belgrad und Nis an die Grenze zu Kroatien gefahren. Sie erreichten nördlich der Grenzstadt Sid einen staubigen Feldweg, konnten von dort die Grenze zwischen den Maisfeldern überschreiten und wurden auf der anderen Seite von den Kroaten weiter begleitet. Sid gehört zum Bezirk Srem in der Vojvodina. So war es selbstverständlich, dass EHO auch hier wieder präsent war.

Ein Flüchtlingsmädchen bekommt neue Schuhe bevor die lange Reise nach Westeuropa weitergeht.

Unser Pastor in Sid, Novica Brankov, hat uns am 19. September 2016 eingeladen, an dieser Grenze einen Augenschein zu nehmen. Zahlreiche Mitglieder der EMK-Gemeinde Sid - auch Jugendliche - engagieren sich freiwillig in der Flüchtlingsbetreuung an diesem GrenzübergangSo sind wir zusammen mit der Superintendentin und der Mitarbeiterin im Kirchensekretariat dorthin gefahren. Wir hielten uns ca. 1½ Stunden an diesem abgelegenen "Grenzort" bei grosser Hitze auf. In dieser Zeit sind sechs Busse mit je ca. 50 Flüchtlingen gekommen. Es waren vorwiegend junge Männer und Frauen mit Kindern. Nach dem Aussteigen strebten die Menschen in Richtung Maisfeld und Grenze. 

 

Die erste Station am Weg war vom Roten Kreuz betreut. Dort konnte man Wasser und medizinische Hilfe bekommen. Eine Mitarbeiterin des Roten Kreuzes sagte nebenbei, dass sie nun schon dreimal vierundzwanzig Stunden im Dienst sei. Er fehlte anscheinend an Kräften, welche zur Ablösung bereit stehen. Die zweite Station war EHO. Am Zeltdach des Standes waren auch die Embleme von HEKS und Diakonia angebracht. Hier liessen sich die Flüchtlinge im Vorbeigehen Wasser und weitere Wegzehrung mitgeben. Es folgte noch eine Station eines Hilfswerkes und am Schluss noch eine Gruppe von Helfern aus den USA. Unter ihnen war ein  Syrer, der in den USA geboren wurde, jedoch fliessend Syrisch und Arabisch sprach. Er nahm sich vor allem Zeit, die Kommunikation mit den Flüchtlingen sicher zu stellen. Das war sehr wichtig für diese Menschen unterwegs nach Westeuropa; unter ihnen waren vorwiegend Syrer. In 24 Stunden passierten gegen 6000 Personen diese "grüne Grenze" bei Sid. 

 

Gegen Abend desselben Tages wurde bekannt, dass viele Flüchtlinge auf der kroatischen Seite beim Bahnhof von Tovarnik steckenblieben. Die Weiterreise über die ungarische Grenze oder auch über die slovenische Grenze nach Österreich war anscheinend blockiert. Jedoch will sich niemand dieser Wanderer in einem Land südlich von Wien registrieren lassen oder gar um Asyl bitten.

 

Ich nehme an, dass der Weg zu Fuss durch Maisfelder über die "grüne Grenze" bei Sid bald nicht mehr funktionieren wird.

Helfer versorgen kleinere Verletzungen bevor die Flüchtlinge weiterziehen.

Wir trafen uns in der EMK in Sid, um über unsere Erfahrung nach zu denken.

In den Strassen von Sid war kein einziger Flüchtling zu sehen. Die Menschen in der Stadt erleben den Flüchtlingsstrom nur am Fernsehen. Zu den bevorstehenden Herausforderungen, wie etwa die Unterbringung der Flüchtlinge, welche in Serbien stecken bleiben, muss ich feststellen, dass man kaum darauf vorbereitet ist. 

 

Wir kommen überein, dass wir unsere Mitarbeit mit EHO verstärken. Bei anhaltendem Flüchtlingsstrom durch Sid gäbe es eine Möglichkeit, den Mitarbeitenden der Hilfswerke in unserer Kirche eine Unterkunft oder einen Ruheort für eine Pause anzubieten. Auch könnte daselbst ein Lager für die Hilfsgüter eingerichtet werden, damit die langen Transportwege von Novi-Sad wegfallen könnten. Eine Unterbringung von Flüchtlingen in prekären Situationen kommt kaum in Frage, da diese gar nicht in Sid bleiben wollen. 

 

Wir sind etwas ernüchtert über die begrenzten Möglichkeiten zu helfen. Sollte sich eine neue Situation ergeben, können wir sie nur zusammen mit den anderen Kirchen unter dem Dach von EHO angehen. 

 

Autor: Bischof i.R. Heinrich Bolleter

September 2015

Weitere Fotos

... zum Engagement der EMK-Gemeinde Sid für die Flüchtlinge auf der Facebook-Seite der Gemeinde.