Sie befinden sich hier: Startseite / Publikationen / Kirche und Welt / Interview mit Anna Ziadeh
Suche

Ein Ort, wo wir dazu gehören

Anna Ziadeh erzählt, wie Migrant/innen in der EMK Aarau Wertschätzung erfahren

 

Anna und Rami Ziadeh sind ein syrisches Ehepaar aus Aleppo. Seit 13 Jahren leben sie mit ihren drei Kindern in der Schweiz und leiten in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Aarau den Arabischtreff. Auch der Migrationstreff Marhaba – „Gott liebt“ – ist aus ihrer Vision entstanden. 


Anna, wieso seid ihr in die Schweiz gekommen?

Wir stammen beide aus christlichen Familien und wollten aus persönlichen Gründen Syrien verlassen. Meine Mutter lebte schon hier und wir dachten, es sei kein Problem als Christ in einem christlichen Land wie der Schweiz aufgenommen zu werden. Das war aber nicht so. Als wir unseren Asylantrag stellten, wurden wir mit Problemen konfrontiert, die uns sehr befremdeten.

 

Was hat euch befremdet?

Die vielen Regeln und die vielen Bewilligungen, die man braucht waren frustrierend. Ohne Bewilligung bekommt man keine Arbeit und ohne Arbeit keine Bewilligung. Ein Teufelskreis. Das war für uns sehr schwierig. Weil wir keine politischen Flüchtlinge waren und in Syrien damals kein Krieg herrschte, wurde uns gesagt, dass unsere Gründe nicht reichen, um Asyl zu bekommen. Der definitive Ausweisungsbescheid kam aber erst nach acht Jahren. Während dieser Zeit hatten wir in der EMK Aarau zum Glauben gefunden und waren dort zu Hause. Dennoch waren wir bereit, nach Syrien zurückzukehren. Wir hatten ja Gott in unseren Herzen und es spielte deshalb für uns keine Rolle mehr, wo wir lebten. Aber der Herr hat anders entschieden. Da wir in der Schweiz integriert und unsere Kinder eingeschult waren, wurden wir als Härtefall eingestuft. Unser Gemeindepfarrer rief in der EMK Aarau zu einer Gebetsnacht für uns auf. Das war gewaltig. Die Gemeinde betete die ganze Nacht für uns. Völlig überraschend entschied der Kanton Aargau dann sehr schnell, dass wir bleiben durften. Das war für uns ein Wunder. 

 

Wie habt ihr zur EMK gefunden?

Ich war in Syrien mit meinem Mann zwar in der Sonntagschule engagiert, aber die Gewissheit, dass Gott zu uns spricht und in unserem Leben wirkt fehlte uns damals. Eines Tages wollte ich mit meiner zweijährigen Tochter mit dem Zug nach Winterthur. Ich konnte damals noch kein Deutsch, nur Englisch. Ich hatte einen Zug verpasst – ich weiss heute noch nicht warum – und war total im Stress. Der nächste Zug war sehr voll und es gab nur noch einen freien Platz. Daneben sass eine blonde Frau, aber ich hatte Angst, mich zu ihr zu setzen. Mein damaliges Bild der Schweizer/innen war, dass sie Ausländer/innen nicht mögen. Aber meine Tochter wurde müde und ich musste mich hinsetzen und sie auf den Schoss nehmen. Die blonde Frau sprach mich freundlich an und als sie merkte, dass ich nur Englisch konnte, sprach sie in dieser Sprache mit mir. Sie begann, für meine Tochter zu zeichnen. In diesem Moment fühlte ich, wie ich die Sonntagschule in Syrien vermisste, weil wir da mit den Kindern auch gezeichnet hatten. Ich weiss gar nicht warum, aber ich sagte es der Frau. Sie fragte mich, ob ich Christ sei und in Aarau in eine Gemeinde kommen wolle. Sie gab mir eine Zeichnung des Wegs vom Bahnhof zur EMK Aarau und sagte mir wann sie dort sein werde. Diese Zeichnung trage ich immer noch bei mir.

 

Die Frau war eigentlich nicht von der Gemeinde Aarau, sondern sie spielte zwei Monate später dort im Gottesdienst Musik. Ich habe die ganzen zwei Monate überlegt, ob ich gehen soll oder nicht. Sie rief mich dann am Samstag vorher an, um zu fragen, ob ich am Sonntag kommen wolle. Ich hatte Angst, aber Rami und ich beschlossen, es zu versuchen. Als wir die Kirche betraten, hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, in der Schweiz zu Hause zu sein. Von da an sind wir jeden Sonntag gegangen.

 

Und so habt ihr Freunde gefunden?

Von uns aus hätten wir uns nicht getraut, auf die Leute zuzugehen und den ersten Schritt zu machen. Wir hatten zu viel Angst vor Ablehnung. Aber wir bekamen so viel unerwartete Liebe und Hinwendung von den Gemeindegliedern zu spüren. Wir haben gesehen und gespürt, wie sie die Beziehung zu Gott leben. Sie haben uns im Asylheim besucht und für die Kinder Spielzeug mitgebracht. Als ich krank war haben sie mich gepflegt. Niemand hat von uns erwartet, dass wir uns verändern, die Gemeindeglieder haben uns so angenommen wie wir sind. Sie haben uns einfach gezeigt was Gottes Liebe ist. Wir haben von ihnen gelernt und sind so auch zum Glauben gekommen. 

 

Fühlt ihr euch denn jetzt in der Schweiz zu Hause?

Ja und nein. Wir fühlen uns hier schon zu Hause. Wir haben erkannt, dass wir in der Schweiz einen Auftrag von Gott haben, der sich nicht nur auf die Arbeit mit Araber/innen beschränkt. Ich fühle mich mittlerweile halb als Araberin und halb als Schweizerin; diese zwei Teile lassen sich nicht mehr trennen. In Syrien bin ich nun auch nicht mehr ganz zu Hause, das ist der Preis der Migration. Aber die Vorteile überwiegen für mich. Wir dürfen Dinge erleben, die wir in der eigenen Kultur nicht erfahren könnten. Obwohl wir als Migrant/innen immer wieder vor Herausforderungen gestellt sind, ist das für mich in Ordnung. Darum sind wir hier schon zu Hause aber eben doch nicht ganz. 

 

Hat euch das Leben in der Schweiz bereichert?

Bereicherung geschieht durch Geben und Nehmen. Wir bekommen von der Gemeinde sehr viel Liebe und werden von ihr erfüllt. Diese Liebe können wir in unserem Dienst im Arabischtreff weitergeben. Das bereichert uns sehr. Auch hat das Leben in der Schweiz unseren Horizont erweitert. 

 

Wie hat eure Arbeit mit dem Arabischtreff und mit Marhaba begonnen?

Wir hatten ursprünglich keine Pläne mit arabischsprechenden Christen etwas zu machen. Unser Ziel war vor allem, den Kontakt mit Schweizer/innen zu pflegen. Eines Tages rief mich eine Frau an, die meine Telefonnummer über Umwege bekommen hatte. Sie hatte eine arabische Bekannte, der sie von Jesus erzählen wollte. Da die sprachliche Verständigung dafür aber nicht ausreichte, fragte sie, ob sie sie zu uns bringen könne. Und so begann in unserer Wohnung der Arabischtreff. Es kamen mit der Zeit weitere Familien dazu und da unsere Wohnung zu eng war, sind wir in die EMK umgezogen und wurden ein Teil des Gemeindeprogramms. Heute nehmen durchschnittlich 45 Personen am Arabischtreff teil. Es gibt alle zwei Wochen einen Gottesdienst mit Kinderprogramm und anschliessendem Mittagessen.

 

Der Migrationstreff Marhaba ist ein Angebot, das nicht nur für arabischsprechende Migrant/innen ist und an dem auch Schweizer Gemeindeglieder beteiligt sind. Das war mein Wunsch. Ich wollte ein Projekt starten, das die Kirche mit Leben füllt und an dem sich alle beteiligen können. Ich bin mit meiner Idee zur Gemeindeleitung gegangen, die sehr wohlwollend darauf eingegangen ist. Mit Marhaba wollen wir die Angst, die Schweizer/innen von Migrant/innen trennt, durch Begegnungen überwinden. Wir schaffen eine Brücke, gehen auf die Bedürfnisse der Menschen ein und nehmen uns Zeit für sie. Es gibt Gesprächsmöglichkeiten bei Kaffee und Kuchen, Spielmöglichkeiten für die Kinder, einen Deutschkurs sowie eine Andacht von ca. 10 Minuten. Alles ist freiwillig, die Menschen dürfen kommen wie sie sind. Wir erwarten nicht, dass sie sich bekehren, sondern möchten einfach, dass sie sich wohlfühlen. Mittlerweile nutzen zwischen 10 und 40 Migrant/innen das Angebot.

 

Was würdest du Schweizer/innen raten, die Migrant/innen begegnen wollen?

Habt keine Angst! Gottes Reich entsteht durch Beziehungen. Angst und Feindschaft aber machen die Beziehungen kaputt. Sehr viele Migrant/innen haben Angst vor den Schweizer/innen und umgekehrt ist es ja auch so. Wenn wir aber in Liebe aufeinander zugehen, können wir die Angst überwinden.

 

Weitere Informationen: